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Maien-Fest

Der Geruch von feuchter Erde und zerbrochenem Mörtel hing in der Luft.

Der Geruch von feuchter Erde und zerbrochenem Mörtel hing in der Luft, als Clara zum ersten Mal den Liebethaler Grund betrat. Sie hatte nicht erwartet, dass eine so kleine Wegverzweigung sie in eine völlig andere Welt führen würde. Die Bäume standen dichter als auf dem Weg zur Bastei, ihre Wurzeln durchbrachen den Boden wie erstarrte Schlangen. Ein Amselruf hallte von den Felswänden wider, und für einen kurzen Moment glaubte Clara, die Melodie erkannt zu haben.

Das Herz rutschte ihr in die Hose als das Telefon um halb sieben morgens klingelte.

Das Herz rutschte ihr in die Hose, als das Telefon um halb sieben morgens klingelte. Clara hatte drei Stunden geschlafen, die Unterlagen für das nächste Restaurierungsprojekt lagen verstreut auf dem Küchentisch, und der Kaffee war kalt. Ein Mann am anderen Ende der Leitung stellte sich als Dr. Eberhard Borsdorf vor. Sein Name klang altmodisch, seine Stimme war heiser, als rede er seit Stunden mit niemandem. Er sprach von einer Kapelle im Liebethaler Grund, von einem Wandgemälde, das dringend gerettet werden müsse. Die Stadt Dresden habe keine Mittel mehr, das alte Gemäuer stehe kurz vor dem Verfall. Er habe ihren Namen von der Hochschule bekommen. Clara fuhr mit dem Finger über den Rand ihrer Kaffeetasse. Sie sagte nichts, während er weiterredete. Dass eine Kapelle im Liebethaler Grund existierte, war ihr neu. Sie kannte den Grund nur von Wanderungen, die Felswände, die enge Schlucht, das Rauschen der Wesenitz. Keine Kapelle. Borsdorf schien ihre Skepsis zu spüren. Er sagte, sie müsse nicht sofort kommen, aber es eile. Das Gemälde sei in Gefahr, die Feuchtigkeit fresse sich durch die Wände, und wenn sie nicht bald handle, sei alles verloren. Clara legte auf. Sie stellte die Tasse in die Spüle, zog sich die Wanderschuhe an und steckte ihren Notizblock in die Jackentasche.

YOLO IM KICHERTEST ZU BLUMENSWAG ein Maientag in Tolkewitz in dieser neuen Frühlingszeit, ich klappe auf die Aermel beide und schlendre fort so ganz allein und lausche auf die Vögelein 00004

Die Straße nach Wehlen war leer die Sonne stand tief und warf lange Schatten über die Felder.

Die Straße nach Wehlen war leer, die Sonne stand tief und warf lange Schatten über die Felder. Clara hielt am Wanderparkplatz an der Einmündung zum Liebethaler Grund. Die ersten Schritte führten sie über einen schmalen Pfad zwischen hohen Buchen, deren Blätter im Licht wie grüne Scheiben flimmerten. Der Liebethaler Grund ist eine enge Schlucht, ausgehöhlt von der Wesenitz über tausend Jahre. Die Bäche haben sich tief in den Sandstein gefressen, die Felswände ragen senkrecht in die Höhe, überzogen von Moos und Farnen. Das Wasser plätschert ununterbrochen, manchmal leise, manchmal laut, je nachdem, wie der Wind durch die Schlucht streicht. Clara schlug ihren Weg nicht ein, den die Touristen nahmen. Stattdessen folgte sie Borsdorfs Anweisungen: ein schmaler, fast zugewachsener Pfad, der nach etwa fünfzehn Minuten hinter einem großen Felsblock in eine Lichtung mündete. Dort, von Efeu überwuchert, von Bäumen fast verdeckt, stand ein kleines Gebäude. Keine Kapelle, wie Clara erwartet hatte. Es war ein Schuppen, ein verfallenes Haus aus Bruchsteinen, dessen Dach an einer Seite eingebrochen war. Sie trat näher. Die Tür war angelehnt, der Spalt groß genug, um hindurchzusehen. Im Inneren roch es nach feuchtem Gestein, nach moderndem Holz und etwas Süßem. Vielleicht Harz. Vielleicht Blüten. Clara schob die Tür auf.

Innen war es dämmrig das Licht fiel durch einen einzigen Spalt im Dach.

Innen war es dämmrig, das Licht fiel durch einen einzigen Spalt im Dach. Die Wände waren nackt, mit einer Ausnahme: die Rückwand trug ein Gemälde, das sich über fast die gesamte Fläche erstreckte. Es war in einem seltsamen Stil gehalten, nicht barock, nicht gotisch, eher wie eine Mischung aus mittelalterlicher Bildsprache und modernen Elementen. Die Farben waren verblasst, aber noch erkennbar: ein Maienfest, eine Prozession von Menschen, die zwischen dichtem Laubwerk schritten. In der Mitte thronte eine Gestalt in einem roten Gewand, die eine große Glocke in den Händen hielt. Clara hielt den Atem an. Die Dornenhecke am Rand des Bildes, die winzigen Kirschblüten, die von der Decke zu fallen schienen. Es war nicht gut gemalt. Die Proportionen stimmten nicht, die Figuren wirkten verzerrt, fast karikaturesk. Und doch hatte es eine Kraft, eine Eigenart, die sie nicht erklären konnte. Sie kniete sich hin, um die Details zu untersuchen. Die Farbe war alt, wahrscheinlich aus Pflanzen gewonnen, die man heute nicht mehr kennt. Die Komposition war ungewöhnlich: die Glocke stand im Zentrum, die Menschen um sie herum bildeten einen Kreis, der sich aus dem Bild zu lösen schien. Clara zog ihr Notizbuch aus der Tasche, begann zu skizzieren.

Sie verbrachte den ganzen Vormittag in dem verfallenen Gebäude.

Sie verbrachte den ganzen Vormittag in dem verfallenen Gebäude. Der Schuppen war größer, als sie zuerst angenommen hatte, ein durchgehender Raum, dessen Mauern an einer Seite fast völlig zerfallen waren. Die Feuchtigkeit stand in den Ecken, Schimmel breitete sich wie feine Spinnweben über die Wände. Das Gemälde war der einzige intakte Teil. Es schien nicht zu altern, die Farben waren zwar blass, aber nicht brüchig. Clara strich mit der Fingerspitze über die Leinwand. Sie war rau, wie grobes Leinen, aber nicht spröde. Draußen hörte sie den Amselruf wieder. Diesmal deutlicher: eine kurze, helle Tonfolge, die sich wiederholte. Sie stand auf, trat vor die Tür. Vor ihr, hinter der Dornenhecke, die den Zugang zum Schuppen verdeckte, blühte eine einzelne Kirschknospe. Mitten im September. Clara blinzelte. Die Knospe war klein, kaum größer als ein Fingernagel, und sie leuchtete in einem hellen, fast durchscheinenden Rosa. Es war unmöglich. Kirschbäume blühen im Frühling, nicht im Herbst. Und doch stand sie da, zwischen den stacheligen Zweigen, als wäre die Zeit stehen geblieben. Sie kniete sich hin, berührte die Knospe. Sie war warm.

Am nächsten Tag fuhr Clara nach Tolkewitz.

Am nächsten Tag fuhr Clara nach Tolkewitz. Borsdorf hatte von einem alten Maifest gesprochen, das vor vielen Jahren gefeiert worden war. Die einzigen Aufzeichnungen dazu lagen in der Alten Post, einem Archiv für Regionalgeschichte am Ufer der Elbe. Die Alte Post war ein schmales Gebäude mit hohen Fenstern, dessen Fassade von Wetter und Zeit gezeichnet war. Im Inneren roch es nach altem Papier und Staub. Die Archivarin, Frau Lehmann, war eine grauhaarige Frau mit randloser Brille, die Clara mit einem misstrauischen Blick musterte. Ein Maifest, sagte sie. Das gab es in Tolkewitz. Früher, ja. Aber nicht in der Kapelle, von der Borsdorf gesprochen hatte. Das Fest fand auf einer Wiese statt, zwischen den Kirschbäumen, nicht weit von der Elbe. Die Glocke, die erwähnt wird, gehörte zur alten Kirche, die längst abgerissen ist. Clara blätterte die Dokumente durch. Fotos in Sepia, Zeitungsartikel aus den fünfziger Jahren, handschriftliche Notizen. Eine Zeile fiel ihr auf: An diesem Tag hörte man die Amsel singen, und alle wussten, dass der Frühling endgültig gekommen war. Die Dornenhecke, die in der Beschreibung des Gemäldes vorkam, war ein Teil des Festgeländes. Eine alte Hecke, die dort schon stand, bevor der Grund entwässert wurde. Der Legende nach blühten die Kirschen dort früher als überall sonst. Clara machte sich eine Notiz.

Sie fuhr zurück zum Liebethaler Grund diesmal mit besserem Werkzeug.

Sie fuhr zurück zum Liebethaler Grund, diesmal mit besserem Werkzeug. Eine Leiter, die sie vom benachbarten Bauernhof ausgeliehen hatte, und einen kleinen Pinsel, um die Farbe zu untersuchen. Die Kapelle, wenn man sie so nennen wollte, stand noch genauso da, wie sie sie verlassen hatte. Die Dornenhecke war unverändert, die Kirschknospe hing immer noch in derselben Höhe. Allerdings hatte sich eine zweite Knospe daneben gebildet, kaum größer, aber da. Clara kletterte die Leiter hinauf, um das Gemälde genauer zu inspizieren. Die Glocke in der Mitte des Bildes wies eine feine, fast unsichtbare Linie auf, die sich vom Rand bis zur Mitte zog. Darunter, auf Augenhöhe, konnte sie einen zweiten, kleineren Gegenstand erkennen. Es war keine Glocke. Es war eine Knospe, die im Bild eingraviert war. Sie strich mit dem Finger darüber. Der Untergrund gab leicht nach.

Drei Tage später kehrte Clara zur Alten Post zurück.

Drei Tage später kehrte Clara zur Alten Post zurück. Frau Lehmann hatte weitere Unterlagen gefunden. Ein Notizbuch, das auf dem Dachboden des Gemeindehauses versteckt war. Es gehörte einem Pfarrer, der in den zwanziger Jahren im Grund gelebt hatte. Die Aufzeichnungen beschrieben einen seltsamen Brauch: das stille Glockenläuten. Jedes Jahr am Maientag läutete die Glocke, aber niemand hörte sie. Nur die Amsel, die im Gebüsch saß, schien den Ton aufzunehmen und wiederzugeben. Der Pfarrer hatte es für ein Wunder gehalten. Clara las die Notizen mehrmals. Das stille Glockenläuten. Es passte zu dem Bild, zu der Knospe, zu der Dornenhecke. Sie fragte sich, was die Glocke mit dem Maientag zu tun hatte. Und was die Amsel davon wusste.

Am nächsten Morgen stand Clara früh auf.

Am nächsten Morgen stand Clara früh auf. Sie fuhr wieder in den Grund, diesmal mit einem Aufnahmegerät. Sie wollte den Amselruf einfangen, ihn analysieren. Vielleicht steckte mehr dahinter als nur eine Melodie. Sie versteckte sich hinter einem großen Felsblock, das Gerät auf den Schuppen gerichtet. Die Amsel saß auf dem Dachfirst, der zerfallenden Lücke, und sang. Ihr Lied bestand aus kurzen Phrasen, die sich wiederholten, dann in eine höhere Tonlage übergingen. Zwischen den Phrasen war eine Pause, als würde der Vogel auf etwas warten. Clara nahm die Aufnahme auf. Sie war klar, kein Rauschen, kein Windgeräusch. Als sie später das Lied analysierte, fiel ihr auf, dass die Tonfolge exakt mit der Melodie der Kirschknospe übereinstimmte, die sie im Gemälde gefunden hatte. Es gab nur eine Erklärung, und die war absurd.

Sie beschloss die Knospe zu untersuchen.

Sie beschloss, die Knospe zu untersuchen. Nicht nur visuell, sondern mit allen Mitteln. Sie nahm eine kleine Probe, nur die äußere Schicht der Rinde, und legte sie in ein Gefäß. Im Labor der Hochschule würde sie das Material analysieren lassen. Dazu kam, dass die Knospe ihre Farbe leicht verändert hatte. Vom hellen Rosa ins intensivere Rot. Wie eine Blüte, die sich langsam öffnete, aber nicht an einem Baum, sondern an einer Hecke. Zwei Tage später teilte ihr die Hochschule mit, dass das Material aus pflanzlichen Zellen bestand, aber nicht vollständig identifiziert werden konnte. Die DNA ähnelte der einer Kirschblüte, aber sie war verändert. Wie eine Mutation, aber nicht genetisch erklärbar. Clara las den Bericht mehrmals. Dann rief sie Borsdorf an. Er sagte nichts, aber er atmete hörbar ein. Schließlich flüsterte er ein einziges Wort: Amsel.

Die Dornenhecke war größer als sie zuerst vermutet hatte.

Die Dornenhecke war größer, als sie zuerst vermutet hatte. Sie erstreckte sich über fast hundert Meter, dicht und undurchdringlich, mit Stacheln so scharf wie Nadeln. In ihrer Mitte, genau hinter dem Punkt, an dem die Knospe wuchs, fand Clara einen schmalen Durchgang. Er war von Ranken überzogen, aber nicht zugewachsen. Sie folgte ihm. Der Pfad bog nach links und führte zu einer kleinen Lichtung. Dort, auf einem moosbedeckten Stein, lag eine alte Glocke. Sie war nicht größer als eine Faust, aus dunkler Bronze, mit einer feinen Rille auf der Seite. Clara hob sie auf. Die Glocke war leicht, viel leichter als ihre Größe vermuten ließ. Sie schlug mit dem Finger dagegen, und ein leiser Ton erklang, so sanft wie eine Amsel.

Jetzt wusste Clara was die Glocke war.

Jetzt wusste Clara, was die Glocke war. Es war keine Kirchenglocke, sondern eine Handglocke, die bei den Maientagen geläutet wurde. Das Fest, das sie und Borsdorf als Maienfest kannten, war ursprünglich ein heidnischer Brauch, bei dem die Amsel die Rückkehr des Frühlings ankündigte. Die Glocke war das Symbol dieser Zeremonie. Sie wurde geschmiedet, damit ihr Ton die Knospen weckte und den Frühling hervorrief. Sie hing in keinem Kirchturm, sie lag in der Dornenhecke, von niemandem gesehen. Bis Clara sie fand. Sie setzte die Glocke auf den Stein. Aus dem Gehölz erklang der Amselruf, und die Glocke begann zu klingen, ganz von allein, als würde sie auf das Lied antworten.

Clara nahm die Glocke mit nach Dresden.

Clara nahm die Glocke mit nach Dresden. Sie war ihr nicht nur eine Entdeckung, sondern ein Auftrag. Borsdorf hatte ein Maienfest vorgeschlagen, ein Fest, das mit der Glocke eröffnet werden sollte. Ein Fest, das die Dornenhecke, die Knospen, die Kirschbäume und die Amsel zusammenbringen würde. Monate später, am ersten Maitag, stand Clara auf der Wiese in Tolkewitz. Die Glocke lag in ihrer Hand. Die Menschen versammelten sich, zögerlich, dann immer mehr. Aus den Kirschbäumen fiel das Lied der Amsel, klarer und reiner als je zuvor. Clara schlug die Glocke an. Ein Ton, der nicht verstummte.

Die Knospe im Liebethaler Grund ist eine Legende.

Die Knospe im Liebethaler Grund ist eine Legende. Sie blüht nur, wenn jemand kommt, der sie findet. Und wenn die Glocke läutet, erwacht der Frühling, mitten im Herbst, mitten im Winter, mitten in der Zeit, die stillsteht, weil das Leben wartet. Clara hat die Knospe nie vergessen. Sie weiß, dass sie wieder zum Grund zurückkehren wird, wenn die Amsel ruft und die Glocke klingt. Denn jedes Maienfest ist ein Anfang, und jeder Anfang braucht eine Knospe, die sich öffnet, wenn die Zeit reif ist.


Mit herzlichem Dank und den besten Wünschen,
Ihr Kartograf der Kuriositäten und globetrottender Geschichtenerzähler

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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert von den düsteren Erinnerungen an einem herbstlichen Vormittag
Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen,
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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ſ : Dezimalcode für U+017F
ſ : Hexadezimalcode für U+017F

Blumen auf Rügen blühn um jedes Haus indem sich jedes Vöglein zu singen müht, auf dem Gezweig, das rings erblüht leichtmüthig, wonnevoll und froh 02212

Liebethaler-Grund-00149

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Von den Höhen ringsherum kam viel des Wassers mit Gewalt hell, rauschend und so kühlich kalt, wie ein Springquell oder Born zu sehen, viel kleiner wohl nicht als die Seine jedoch viel breiter noch ist die gesehen habe ich nun noch nie 162542

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